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02.09.2019 „Keiner versteht den Finanzmarkt zu 100 Prozent“

Interview mit Tina Zeinlinger, Journalistenschülerin an der Georg von Holtzbrinck-Schule. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie für die Wirtschaftswoche den Podcast „Moneymaster – so geht Geldanlage für Berufseinsteiger“ ins Leben gerufen. Dort geht es auch um Robo-Advisor.

Tina Zeinlinger ist Journalistenschülerin an der Georg von Holtzbrinck-Schule und schreibt nicht nur für das Handelsblatt und die WirtschaftsWoche. Sie hat auch zusammen mit ihrem Kollegen Matthias Rutkowski (26) den Podcast „Moneymaster – so geht Geldanlage für Berufseinsteiger“ für die WirtschaftsWoche aufgelegt – nicht mit der allwissenden Expertenbrille, sondern aus ihrer Perspektive: erster Job nach der Uni, keine praktische Erfahrung mit Geldanlage und viele Fragezeichen im Kopf. Die 22-jährige Österreicherin erzählt dort offen und direkt, was sie nicht versteht, und auch, was sie an der Branche ärgert. Das Ergebnis ist ein Podcast, dem man gerne zuhört, weil hier kein abgehobener Finanzsprech, sondern gesunder Menschenverstand dominiert. Tina Zeinlinger hat übrigens in Folge 5 einen Robo-Advisor getestet. Ihr Fazit damals: „Eine ziemlich gute Leistung.“ Das große Aber – 5.000 Euro Mindestanlagesumme sind zu viel. Und ihre Kritik war das entscheidende Zünglein an der Waage, erst einmal in einem Test bis zum 10.10.2019, unsere Mindestanlagesumme auf 1.000 Euro zu senken. Weil die Jungjournalistin gute Argumente hat und die richtigen Fragen stellt, haben wir mal einen Rollentausch gemacht und sie befragt.

Tina Zeinlinger

Besonders gut an Ihrem Podcast hat mir gefallen, dass Sie ehrlich über Ihre Hemmschwelle bei der Geldanlage sprechen. Warum haben Sie sich für diesen ehrlichen Weg entschieden?
Tina Zeinlinger: Bei vielen Experten und anderen Podcasts, die ich gehört habe, hatte ich von Anfang an das Gefühl, die meisten Leute haben eine große Klappe, ohne dass da viel dahintersteckt. Das war alles so unnahbar für mich.

Können Sie das genauer beschreiben?
Zeinlinger: Ich hatte oft das Gefühl, dass da Experten sprechen, die sich zwar gut auskennen, es aber nicht schaffen, das auf das Wesentliche runterzubrechen. Das ist das Gleiche wie auf der Uni. Da gibt es Professoren, die haben unheimlich viel Hintergrundwissen, aber kriegen es nicht hin, das so rüberzubringen, dass das Wichtigste hängen bleibt.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass das Thema Finanzen so komplex ist?
Zeinlinger: Ich glaube, keiner versteht den Finanzmarkt im Großen und Ganzen zu 100 Prozent. Sobald ich detailliertere Sachen gefragt habe, kamen nur Worthülsen und irgendwann muss man vermutlich akzeptieren, dass man ab einem Punkt nicht mehr nachbohren kann oder braucht. Denn dann wird es schon zu detailliert. Es ist schon eine ziemlich komplexe Materie, mit der man sich beschäftigen sollte. Man muss für sich dann aber auch einen Schlussstrich ziehen und sagen: „Okay, ich glaube, ich habe jetzt genug Orientierungspunkte und weiß jetzt, ich fühle mich wohl und kann da was machen.“

Sie haben ja VWL studiert – war das eine gute Basis für den Moneymaster?
Zeinlinger: Das war alles sehr, sehr theoriebezogen. Ich wusste, wie eine Aktie funktioniert, und ich habe auch ungefähr gewusst, was ein ETF ist. Das war aber nicht genug, damit ich für mich sicher sagen kann: „Ich möchte da mein Geld für die nächsten 30, 40 Jahre einzahlen.“ Es ist wahrscheinlich auch nicht die Aufgabe eines Volkswirtschaftsstudiums, den Leuten beizubringen, wie sie ihr Geld anlegen.

Wessen Aufgabe ist es denn sonst?
Zeinlinger: Das habe ich mich auch gefragt. Wenn ich es auf der Uni nicht lerne, es unter Familie und Freunden immer mal nur oberflächlich angesprochen wird und es sonst auch keine Anlaufstellen gibt, die einen dabei unterstützen oder bei denen ich mich gut beraten fühle, ist das ungerecht.

Wieso empfinden Sie das so?
Zeinlinger: Jeder sollte das Recht haben, zu wissen, was da passiert und was er für sich selbst machen kann. Das klingt jetzt vielleicht nach einer leeren Phrase, aber in diesem System finanziell zu überleben und davon auch profitieren zu können oder das Beste für sich draus zu machen, sollte nicht einer kleinen Gruppe vorbehalten sein. Die Finanzbranche ist einfach total undurchsichtig. Ich habe oft auch das Gefühl, dass Leute, die in einer Bank arbeiten, auch nur das wissen, was so vor ihrem Bildschirm passiert oder was sie in Bloomberg eintippen müssen. Und nicht mehr.

Gab es auf der Expertenseite auch positive Erlebnisse?
Zeinlinger: Ich war ziemlich positiv überrascht von der Verbraucherzentrale. Ich werde mich da häufiger hinwenden, weil die ganz, ganz viele Angebote haben. Ich hatte erwartet, dass die sehr konservativ sind und mir 100.000 Versicherungen andrehen wollen, aber die waren tatsächlich sehr kompetent.

Sie schreiben und sprechen viel über ETFs und die Branche wirbt mit Demokratisierung. Hat Sie das an dem Thema gereizt?
Zeinlinger: „Demokratisierung des Finanzmarktes“ fällt häufig im Zusammenhang mit ETFs. Dass jeder Zugang zu den Kapitalmärkten haben und alles ganz einfach sein soll, klingt nach einem schönen Ansatz. Ich wollte mal schauen, was wirklich dahintersteckt.

Waren Sie da nicht auch misstrauisch? Demokratisierung des Finanzmarktes klingt ja auch nach einer Worthülse.
Zeinlinger: Genau. Für mich war da von Anfang an Misstrauen dabei, ob das nicht ein Marketing-Gag ist. Nehmen wir „flexibel anlegen“, womit die Branche wirbt. Was heißt hier flexibel? Ich wollte das wissen, damit ich mich wirklich sicher fühlen kann, um da anzulegen.

Was denken Sie denn generell über die Finanzbranche?
Zeinlinger: Ich habe das Gefühl, dass die Finanzindustrie so ziemlich das undurchsichtigste und intransparenteste System ist, das wir haben. Und dass es da ganz viele Missstände gibt, die nur ein paar Leute kennen. Und ich habe auch das Gefühl, dass da auch viel falsch läuft, wo aber keiner hinguckt oder hingucken kann, weil man das nicht versteht. Ich glaube, dass dieses Konstrukt mindestens genauso gefährlich ist wie irgendwelche politischen Systeme. Deswegen ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, was da passiert, wer davon profitiert oder warum nicht alle davon profitieren.

Warum ist genau das so wichtig, dass mehr als bisher von der Finanzbranche profitieren und vor allem Berufsanfänger wie Sie?
Zeinlinger: Dadurch dass ich meinen ersten richtigen fixen Job hatte durch mein VWL-Studium und weil mir durch meine Arbeit Artikel zu „Niedrigzinsen“ und „Dein Geld wird wieder weniger, wenn du es auf dem Sparbuch lässt“ allgegenwärtig sind, dachte ich mir: „Okay, ich muss etwas machen.“ Und was dann noch hinzugekommen ist, ist ja immer diese öffentliche Debatte zur Altersvorsorge und dass die Renten nicht mehr sicher sind für meine Generation. Das hat mich beunruhigt.

Vermögensaufbau ist ja am Anfang nicht leicht. Sie hatten ja selbst Mindestanlagesummen von 5.000 Euro bemängelt. Wie viel haben denn Berufseinsteiger ungefähr, um anzulegen?
Zeinlinger: Also, von den Leuten, die ich kenne und die gerade das Studium beendet haben, würde ich sagen, zwischen 80 und 250 Euro im Monat. Dass es nach zwei, drei Jahren mehr wird, ist klar. Aber ich glaube, das ist ein relativ guter Richtwert. Bei mir ist das jetzt noch ein bisschen weniger, weil ich eine Art Ausbildung mache. Und mit den aktuell hohen Mieten ist das natürlich auch so eine Sache. Da bleibt dann nicht viel Spielraum.

Haben Berufsanfänger einen Puffer nach der Uni?
Zeinlinger: Das kommt, glaube ich, ganz stark drauf an, was die Eltern für einen gespart haben oder was man sich selbst durch Nebenjobs erarbeitet hat. Zwischen 2.000 Euro und 5.000 Euro hat fast jeder auf dem Konto. Es kommt auch darauf an, was man nach dem Abi mit dem Ersparten macht. Ob man auf Weltreise geht und alles verpulvert oder nicht.

Dann wären doch 5.000 Euro Mindestanlage gar nicht so schlimm gewesen?
Zeinlinger: Für die meisten wohl nicht. Aber man darf nicht vergessen, dass man, wenn man 5.000 Euro auf dem Konto hat, ja nicht unbedingt gleich die gesamte Summe irgendwo reininvestieren möchte. Ein bisschen ein Puffer sollte natürlich auf dem Konto zurückbleiben. Bei 5.000 Euro ist das schwer.

Und 1.000 Euro – ist das dann besser für Sie oder immer noch zu hoch?
Zeinlinger: Nein, 1.000 Euro ist eine super Sache. Ich hatte es ja auch in meinem Podcast erwähnt. Die meisten Leute schreckt es wahrscheinlich ab, gleich mal 5.000 Euro irgendwo hinzupacken. 5.000 Euro sind eine Hemmschwelle, selbst wenn man das Geld hat. Das ist eine enorme Summe. Zumindest für mich. Wenn ich 5.000 Euro bei einer Überweisung eintippe, dann ist das für mich heftig. Das sind mehr als fünf schöne Urlaube.

Wie haben die Hörer auf den Podcast reagiert, und hatten Sie mit diesem Echo gerechnet?
Zeinlinger: Am Anfang hatte ich ein bisschen Bedenken, dass ich mir vielleicht ein Eigentor schieße, sollte ich die Einzige sein, die sich auf diesem Gebiet kaum auskennt. Was mich deswegen am meisten gefreut hat, war zu sehen, dass ich nicht allein bin, sondern dass ich quasi nur den Mut hatte, das offen zu sagen. Viele aus verschiedenen Altersgruppen sind auf mich über Facebook, LinkedIn und per Mail zugekommen und haben geschrieben: „Das ist toll, dass Du das machst. Mir geht es genauso.“ Das haben mir auch Menschen um die Mitte 50 geschrieben. Es war schön zu sehen, dass das auf so viel Resonanz gestoßen ist.

Und wie haben Sie sich bei der Mindestanlagesenkung bei quirion als Zünglein an der Waage gefühlt?
Zeinlinger: Das hat mich wirklich gefreut, weil ich gesehen habe, okay, ich kann wirklich etwas bewegen und führe nicht nur Selbstgespräche im Podcast oder mache eine Selbsttherapie. Scherz beiseite: Ich habe dadurch gemerkt, dass die Leute wirklich zuhören und für sich selbst vielleicht auch Hilfe finden. Und auch, dass Leute aus der Finanzbranche meine Gedanken aufgreifen und probieren, die Finanzwelt für Leute wie mich angenehmer oder den ganzen Finanzmarkt ein bisschen begehbarer zu machen. Es ist einfach schön, dass man schon innerhalb von drei Monaten – das sind zwölf Folgen – etwas bewirken konnte. Und ich würde mich freuen, wenn das noch ein bisschen nachklingt.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

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