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24.09.2018 Sollten die Turbulenzen in den Schwellenländern aktuelle Finanzentscheidungen beeinflussen?

Schon seit dem späten Frühjahr hält sich mittlerweile die konjunkturelle und wirtschaftspolitische Schwäche in einigen Schwellenländern. In den letzten Wochen hat sich die Gemengelage weiter verschärft. Dabei gibt es zum einen regional klar abgegrenzte Ursachen und Verläufe, zum anderen aber auch überregional wirkende Faktoren, die die Entwicklung derzeit bestimmen.

Wenn man die beiden derzeit prominentesten Länderbeispiele für die Turbulenzen in den Schwellenländern – Argentinien und die Türkei – herausgreift, dann dominieren zunächst einmal die regional begrenzten, größtenteils hausgemachten Probleme. In Argentinien wäre da eine (wieder einmal) über viele Jahre verfehlte Wirtschaftspolitik zu nennen, die (auch das ist nicht neu in Argentinien) stark auf Auslandsverschuldung gesetzt hat. Gleichzeitig ist es nicht gelungen, ausreichendes Vertrauen der Bevölkerung und auch internationaler Investoren in die Wirtschaftspolitik des Landes herzustellen. Investitionen blieben in der Folge hinter dem Bedarf zurück, die Inflation konnte nicht nachhaltig unter Kontrolle gebracht werden.

Ähnlich vertrackt sieht die Konstellation in der Türkei aus, zusätzlich verschärft durch eine insgesamt – nicht nur gegenüber dem Ausland – viel zu sehr auf Verschuldung aufgebaute gesamtwirtschaftliche Expansion. Diese steht nun auf tönernen Füßen. Zudem kann die Notenbank in der Türkei Erdogans kaum noch unabhängig agieren, was einen weiteren Rückschlag für die zukünftige Tragfähigkeit der Wirtschaftspolitik des Landes bedeutet und zudem ausländische Investoren abschreckt.

Es gibt aber nicht nur hausgemachte Probleme. Hinzu kommen – insbesondere auch im Fall der Türkei – übergeordnete geopolitische Faktoren. Die USA haben nicht nur den Handelsstreit mit China weiter eskalieren lassen und dadurch die Unsicherheit in Bezug auf die weiteren Perspektiven des Welthandels und damit die Exportchancen der Schwellenländer insgesamt weiter erhöht. Zusätzlich haben die USA aufgrund politischer Unstimmigkeiten ein Embargo gegen die Türkei verhängt. Das hat die ohnehin schon unter Druck stehende türkische Währung weiter drastisch in die Knie gezwungen, was eine steigende Auslandsverschuldung des Landes (in US-Dollar) nach sich zieht. Gleichzeitig ziehen die Zinsen in den USA weiter an und locken Kapital aus den Schwellenländern weg. Ein Teufelskreis, nicht nur für die Türkei.

Auch andere Schwellenländer sind betroffen. Durch den US-Handelsstreit natürlich vor allem das Schwellenland-Schwergewicht China. Zwar hat die Regierung bereits mögliche Hilfsmaßnahmen für heimische Exporteure zugesichert – für den Fall, dass der Streit weiter eskalieren sollte. Spürbar negative Auswirkungen werden sich aber wohl dennoch ergeben.

Südafrika ist derweil in die Rezession gerutscht. Einzig Indien kann sich als große Volkswirtschaft den Turbulenzen bislang weitgehend entziehen (von der schwachen Entwicklung des Außenwerts der Rupie einmal abgesehen). In 2018 wird Indien wohl den Staffelstab des höchsten Wachstums unter den großen Volkswirtschaften der Welt von China übernehmen – erwartet wird ein Plus beim BIP in Höhe von 7 bis 7,5 %.

Die derzeit zu beobachtenden Turbulenzen in den Schwellenländern sind also weder ein Strohfeuer noch ein Flächenbrand. Die Herausforderungen sind erheblich und beschränken sich nicht auf einzelne Länder. Die Ursachen und möglichen Gegenmaßnahmen sind allerdings sehr heterogen, was gegen eine gleichartige, flächenbrandartige und bereits eskalierte generelle Krisensituation der Emerging Markets spricht.

Gegen einen Flächenbrand sprechen auch die nach wie vor intakten positiven Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft insgesamt. Darüber hinaus darf insbesondere der langfristig orientierte Investor Folgendes nicht aus den Augen verlieren: Die Wachstumsaussichten in der langen Frist haben sich in den letzten Wochen – allen Querelen zum Trotz – kaum nennenswert eingetrübt. Insbesondere die asiatischen Schwellenländervolkswirtschaften werden wohl auch zukünftig der Motor der Weltwirtschaft bleiben.

Fazit für Ihre Vermögensanlage

Wie so oft bei der Geldanlage ist auch aktuell in Bezug auf die Schwellenländer weder Panik noch Sorglosigkeit angebracht. Ein wohlproportionierter Anteil der Schwellenländer im Depot bleibt trotz der aktuell misslichen Nachrichtenlage insbesondere für langfristig orientierte Anleger unbedingt angezeigt. Ob derzeit schon wieder klare Kaufkurse im Aktien- und vor allem im Anleihebereich vorliegen, ist naturgemäß nicht mit Sicherheit zu sagen. Für den Moment spricht allerdings durchaus einiges dafür, dass die Brandherde noch einige Zeit weiterschwelen und die Kurse eher weiter bremsen dürften. Auch wenn wir es nach wie vor nicht mit einem Flächenbrand zu tun haben.

Autor: Philipp Dobbert, Chefvolkswirt und stv. Leiter Vermögensverwaltung, quirion AG

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