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16.07.2019 Warum Deutschlands bekanntester Poker-Experte kein Zocker ist

Jan Heitmann ist Deutschlands bekanntester Poker-Experte. Er blickt auf eine 15-jährige Karriere zurück, in der er bei internationalen Turnieren spielte. Er hat über 120 Prominenten das Pokerspiel beigebracht, unter anderem Tennis-Star Boris Becker, Schauspieler Elyas M’Barek und Moderator Joko Winterscheidt.

Als Keynote-Speaker überträgt er Pokerkonzepte auf unternehmerische Entscheidungen. In seinen Impulsvorträgen und Intensiv-Workshops lernen Führungskräfte Pokerkonzepte für Entscheider, die sie direkt in ihre täglichen Prozesse einbinden können. Im Gespräch mit quirion erklärt er, warum Poker nichts mit Glück zu tun hat.  Und viele Konzepte, die er erläutert, erinnern an Erkenntnisse aus der Börsenpsychologie.

quirion: Wie reagieren Menschen, wenn du erzählst, was du machst?

Jan Heitmann: Viele sagen: „Du verzockst doch Haus und Hof“ oder „Da wirst du doch spielsüchtig“. Mir bereitet es aber Freude, aufzuklären und zu sagen: „Das ist eben kein Glücksspiel, es ist ein Spiel über Menschen und ihre Entscheidungen. Bei Roulette oder den meisten Kasinospielen ist das anders. Dort gibt es immer einen mathematischen Vorteil für das Kasino, den man auch nicht ändern kann. Beim Roulette merkt man ja, dass die Entscheidung keinen Einfluss auf das Ergebnis hat. Der kleinen weißen Kugel ist es egal, ob ich auf Schwarz oder Rot setze.

quirion: Das ist beim Poker anders?

Heitmann: Ja, beim Poker spielt das Kasino selber gar nicht mit. Man spielt als Poker-Spieler gegen andere Spieler, die Entscheidungen unter Unsicherheit und unvollständigen Informationen treffen. Je mehr man über das Spiel weiß, je mehr man über die Entscheidungsprozesse und über die Motivation der anderen Spieler weiß, desto klarere und bessere Strategien kann man entwickeln. Auf lange Sicht ist Poker ein Strategiespiel und hat nichts mit Glück zu tun.

quirion: Das klingt eher nach Schach. Ist Schach also so ähnlich wie Poker?

Heitmann: Schach ist auch ein Spiel, wo man strategisch denken muss und auch sehr viel davon lernen kann. Der große Unterschied ist: Bei Schach gibt es komplette Informationen. Das heißt, es gibt keine Informationsasymmetrie oder unvollständigen Informationen wie beim Poker. Und es gibt keine Zufallselemente. Doch genau deswegen bildet Schach die Realität nicht so gut ab. Es gibt hier keine Unsicherheit. Entscheidungen, bei denen es keine Unsicherheit gibt, ist reine Mathematik. Wer hier Fehler macht, hat selber Schuld. Im wirklichen Leben treffen wir aber ständig Entscheidungen unter Unsicherheit. Genauso wie beim Poker. Hier geht es um Entscheidungen, bei denen man nicht in die Zukunft schauen kann und nicht genau weiß, was passiert. Und zugleich gibt es hierfür beim Poker ein Dutzend von Konzepten, die man darüberlegen kann.

quirion: Du hast ja selber ursprünglich BWL studiert. Hat dir das etwas genutzt?

Heitmann: Da gibt es tatsächlich viele Verbindungen und Fähigkeiten, die ich mir im Studium erarbeitet habe und die direkt auf Poker übertragbar sind. Bei BWL oder VWL ist man bereits stark in einer Zahlenwelt verankert, ob man will oder nicht. Man ist schon darauf gepolt, profitmaximierende Entscheidungen zu treffen. Und darum geht es auch beim Poker.

quirion: Viele Anleger tun sich schwer damit, Abwärtsphasen durchzuhalten, und steigen oft ein, wenn die Märkte schon ihren Höhepunkt erreicht haben. Zudem lassen sich viele von Nachrichten treiben und agieren kurzfristig. Was sagst du aus Deiner Pokerbrille dazu?

Heitmann: Diese kurzfristigen Investitionszeiten werden extrem stark vom Zufall beeinflusst. Es gibt natürlich Leute, die einen guten Lauf haben, aber auch das ist dann eher der Varianz geschuldet als einem speziellen Können. Bei einer langfristigen Investition ist weniger Zufall drin. Ich glaube, es ist langfristig sehr viel leichter, profitabel zu investieren, aber der Mensch ist von Natur aus sehr schreckhaft und hat deswegen Angst, wenn es nach unten geht. Wenn es nach oben geht, dann wartet er erst mal ab und wenn es dann noch weiter nach oben geht, dann kauft er endlich. Er investiert dann auf dem Höhepunkt, wenn fallende Kurse in naher Zukunft wieder wahrscheinlicher werden. Und dann wird er wieder nervös. Bei Menschen ist nun einmal die Verlustangst stärker als die Freude am Gewinn. Ich glaube, das liegt an der Evolution. Wenn man früher in grauer Vorzeit gescheitert ist, dann wurde man von etwas gefressen. Wir sind einfach eine risikoscheue Spezies.

quirion: Kann man etwas dagegen tun?

Heitmann: Man kann es intellektuell mit Poker wegtrainieren. Wenn ich langfristig in positive Erwartungswerte investiere, dann zahlt sich das am Ende aus. Doch kurzfristig muss ich auch negative Erfahrungen aushalten. Dieses Aushalten und dabei immer wieder die richtige, sinnvolle Entscheidung zu treffen und trotzdem ein negatives Resultat einzufahren, dass erlebst du beim Poker ständig.

quirion: Kannst du das näher erläutern?

Heitmann: Beim Poker haben wir ein Konzept, das heißt Tilt. Die eigentliche Idee von Poker ist, dass man immer sein A-Game, sein bestmögliches Spiel abliefert. Tilt ist die Abweichung vom A-Game. Das passiert, wenn Emotionen angesprochen werden oder ein Spieler einfach nicht auf der Höhe ist. Und solche Tilt-Momente passieren jedem Poker-Spieler. Man kann diese Tilt-Momente nicht komplett abschalten, aber kann sie schneller erkennen und dann etwas dagegen tun. Ich habe erkannt, ich bin nicht auf der Höhe meiner Entscheidungsqualität – vielleicht ziehe ich mich jetzt einfach zurück oder höre für diesen Tag auf zu spielen.

Und wenn man aufs Ganze geht – gehört das nicht auch zum Pokern?

Heitmann: Das ist auch so ein klassisches Klischee, was mit Poker in Verbindung gebracht wird, dieses „Alles auf eine Karte setzen“ oder „zu hoch pokern“. Und genau das macht ein guter Spieler nicht. Das wäre Schwachsinn. Denn wenn die erhoffte Karte nicht kommt, dann ist alles kaputt. Ein guter Spieler ist natürlich gewillt, innerhalb eines Turniers alles zu setzen. Das gehört mit dazu, aber das sind die Ressourcen für genau dieses Turnier und nicht das Gesamtvermögen.

Gibt es denn auch beim Poker so etwas wie Risikostreuung?

Heitmann: Ja, man investiert einen sehr, sehr kleinen Teil seines Gesamtkapitals, das man für Poker zur Verfügung hat, in ein Turnier. Wenn man aus einem Turnier hinausfliegt, springt man direkt ins nächste Turnier und investiert wieder einen kleinen Teil. Das heißt, man spielt nicht ein oder zwei oder zehn Turniere in einem Jahr, sondern hunderte, wenn nicht sogar tausende. Es kommt natürlich auch auf die eigene Risikoaffinität an. Einige Spieler setzen pro Turnier zwei bis fünf Prozent ihres Turnierkapitals. Es gibt aber auch Leute, die mit 15 bis 20 Prozent Verlustrisiko leben können. Das hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. Aber: Es gibt keinen guten Pokerspieler auf der Welt, der größere Teile seines Vermögens in ein Turnier investiert.

Und dafür muss man sich mit Unsicherheit und unvollständigen Informationen abplagen – ist das nicht undankbar?

Heitmann: Die guten Spieler kämpfen immer gegen Unsicherheit und unvollständige Informationen, aber sie verstehen auch: Das sind unsere besten Freunde. Ohne sie gäbe es auch gar nicht die Möglichkeit, profitabel zu investieren. Die schlimmste Strategie ist eine völlig risikofreie. Denn da gibt es einfach nichts zu gewinnen. Das wäre schließlich geschenktes Geld – und wo soll das herkommen? Man muss ein gewisses Risiko eingehen. Es geht nicht darum, Risiken zu minimieren, sondern darum, diese zu optimieren. Wenn ich Risiko und Unsicherheit für mich nutzen möchte, dann gehört auch dazu, dass man mit Misserfolgen positiv umgeht.    

Wie sieht das aus?

Heitmann: Ich frage mich: Hätte ich etwas anders machen können? Antwort: Nein. Habe ich alles gemacht, was ich hätte tun sollen? Antwort: Ja. Dann hake ich es ab. Die Gesamtphilosophie, die sich ein guter Pokerspieler erarbeitet, heißt: Resultate beschreiben die Vergangenheit, Entscheidungen prägen die Zukunft.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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