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16.08.2019 Kampf der Talente

Profisportler leisten Erstaunliches. Im Sport hätte ein Laie gegen einen Profi nicht den Hauch einer Chance. Mit einem ähnlichen Argument werden auch Anlageprodukte verkauft: Nur ein professioneller Fondsmanager könne Ihr Vermögen renditeträchtig verwalten. Tatsächlich trifft das Gegenteil zu: Wie Sie bei der Geldanlage den Kampf der Talente gewinnen, erfahren Sie hier.

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 1896 in Athen trat ein gewisser Robert Garrett in der Disziplin Kugelstoßen an. Die Reise nach Athen bezahlte er aus eigener Tasche. Einmal vor Ort, versuchte er sich spaßeshalber auch im Diskus-Werfen. Seine ersten beiden Würfe waren plump. Anstatt elegant zu fliegen, drehte sich der Diskus unkontrolliert und traf fast das Publikum. Die Konkurrenten lachten. Der dritte Versuch jedoch gelang besser – und Garrett gewann sogar die Disziplin.

Die Geschichte klingt unglaublich. Heutzutage wäre es undenkbar, dass ein ungeübter Sportler Gold bei Olympischen Spielen holt. Profisportler werden mit am Computer berechneten und im Windkanal perfektionierter Ausrüstung ausgestattet, ihr Trainingsprogramm und ihre Ernährung sind durchperfektioniert. Ohne die optimalen Körperproportionen sind sie chancenlos und auch die Stars einer Disziplin sind oft nur 100stel Sekunden oder Millimeter vom Nächstplatzierten entfernt.

Was hat Robert Garrett mit der Finanzindustrie zu tun?

Was hat all dies mit der Disziplin Geldanlage zu tun? Auch diese Disziplin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ungemein professionalisiert. Vor den 50er Jahren gab es keinen einzigen Hedgefonds, heute sind es über 10.000. Alleine in dieser Sparte werden zusammen 3.200 Milliarden US-Dollar von Profis verwaltet, die alle mit dem Anspruch antreten, mehr Rendite zu erzielen als ihre Wettbewerber. 1980 gab es etwa 15.000 CFAs aktuell sind es rund 150.000 (eine Ausbildung zum CFA, also Certified Financial Analyst, gilt als der Goldstandard der Branche). Diese Armee von gut ausgebildeten, ehrgeizigen und gut bezahlten Mitarbeitern ist pausenlos damit beschäftigt, Unternehmen zu analysieren, Anlagestrategien zu testen und Kursbewegungen zu beobachten um Anlageopportunitäten ausfindig zu machen. Und um eine weitere Zahl zu nennen: Aktuell sind nur 10 Prozent des Handelsvolumens an den weltweiten Aktienmärkten auf klassische, fundamental begründete Investmententscheidungen zurückzuführen. 60 Prozent des Handelsvolumens resultiert aus professionellen, computergestützten Strategien. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Die Professionalisierung der Geldanlage ist so weit fortgeschritten, dass sie teils absurde Züge angenommen hat. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist eine Datenverbindung zwischen New York und Chicago: Im Jahr 2012 investierte ein Netzwerkspezialist 300 Millionen Dollar, um ein möglichst gerade verlaufendes Glasfaserkabel zwischen den Börsen dieser beiden Städte zu verlegen. Einziger Zweck: Die Geschwindigkeit der Datenübertragung von 13,1 Millisekunden auf 12,98 Millisekunden zu senken. Das Projekt war höchst profitabel. Denn ein Zeitvorsprung von wenigen Millisekunden kann an der Börse in Millionen Dollar umgemünzt werden. Stand der Technik ist heutzutage ebenfalls, ökonomische Nachrichten in Sekundenbruchteilen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz nach Handelssignalen zu durchforsten, die Umsätze von Wal-Mart-Stores mit Hilfe von Satellitenaufnahmen der Parkplätze vorauszuschätzen oder sich auf Bloomberg live über Position und Route aller Handelsschiffe weltweit zu informieren.

Was heißt das für Privatanleger? Uns erscheint es extrem unplausibel, dass ein Privatinvestor oder ein Bankberater aus der Filiale „um die Ecke“ bei diesem Spiel unter Profis mithalten kann, insbesondere wenn ein entsprechendes Anlageprodukt mit jährlichen Kosten von über zwei Prozent des angelegten Volumens verbunden ist. Sinnvoller ist es vielmehr, prognosefrei zu investieren. Bei diesem Ansatz – für den quirion sich entschieden hat – wird möglichst wenig an den Börsen gehandelt, so dass die Kosten geringgehalten werden. Zudem schützen sich prognosefreie Investoren davor, Rendite an Anlageprofis zu verlieren, denn wer nicht handelt, steht für die Spekulationsgeschäfte der Profis als Gegenpartei schlicht nicht zur Verfügung.

Privatanleger überschätzen sich oft

Privatanleger überschätzen häufig ihre Chancen, bei den Profis mithalten zu können. In einer jüngsten Umfrage gab jeder achte befragte Mann an, er könne gegen den Tennisprofi Serena Williams einen Punkt holen. Dass dies fast immer Wunschdenken sein dürfte, zeigt dieses Video. Genauso lustig ist anzusehen, wie sich drei professionelle Fußballer problemlos gegen 100 kindliche Gegner durchsetzen.

Kunden werden häufig Anlageprodukte verkauft nach dem Motto: „Dein Fondsmanager setzt auf hochmoderne Technik, er kann Daten zwischen Chicago und New York innerhalb von unglaublichen 13,1 Millisekunden übertragen. Sie sollten hier investieren“. Was unterschlagen wird: Andere Profis benötigen nur 12,98 Millisekunden. Ein absolut gesehen extrem fähiger und gut ausgestatteter Fondsmanager hat relativ zu seinem Gegner trotzdem schnell verloren. Absolute Fähigkeiten und Fähigkeiten relativ zur Vergleichsgruppe werden gerne miteinander verwechselt, ihre Unterscheidung ist für die Geldanlage jedoch absolut zentral. Es ist eine Sache, mit dem Können von Serena Williams Laien buchstäblich in Grund und Boden zu spielen. Es ist aber eine vollkommen andere Sache, mit Wetten auf einen Wimbledon-Sieg von Serena-Williams-Sieg Geld zu verdienen. Bei solchen Wetten gewinnt langfristig höchstens der Wettanbieter.

Am Finanzmarkt zeigt sich die Nutzlosigkeit von absoluten Fähigkeiten in harten Zahlen: Die allermeisten gemanagten Fonds erzielen langfristig schlechtere Renditen als ihre Benchmark. Und auch hier zeigt sich paradoxerweise und gerade wegen der zunehmenden Professionalisierung eine steigende Tendenz: 2008 lag die Quote bei 79 Prozent 2012 bei 83 Prozent und 2018 bereits bei 87 Prozent Wer Anlagetalent relativ statt absolut betrachtet, kann diesen Trend verstehen: Denn je mehr unerfahrene Anleger auf Spekulationsgeschäfte verzichten, desto schwerer haben es die verbleibenden Spitzenprofis im Wettbewerb untereinander.

Für eine prognosefreie Aufstellung spricht deshalb mehr denn je. Denn im Wettbewerb mit anderen nicht verlieren zu können mag im Sport eine schlechte Eigenschaft sein – bei der Anlage des eigenen Vermögens kann man sich nichts Besseres wünschen.

Der überraschende olympische Sieg des Robert Garrett ist hier nachzulesen.

Die Zahlen zur Entwicklung der Hedge-Fonds-Branche stammt hierher.

Über automatisierte Handelsstrategien wurde hier berichtet.

Ein Bericht zum Glasfaserkabel zwischen Chicago und New York kann hier nachgelesen werden.

Die Outperformance-Zahlen aktiver Manager finden sich hier, hier und hier (es wurden US-Zahlen und der Durchschnitt der Zahlen für Large-Cap-, Mid-Cap- und Small-Cap-Fonds verwendet).

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